Buch 96 – Ein wenig Leben

Es kann durchaus als Buch der interessanten Art gesehen werden: Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara.
Die ersten zehn bis zwölf Dutzend Seiten präsen­tieren sich mit einer spannenden Idee. Die Autorin schildert die Geschichte vierer Männer, die sich auf dem College kennengelernt haben und deren Lebenslinien mehr oder weniger eng miteinander verwoben sind. Spannend ist der Schreibstil. In einer unaufgeregten, fast schon journalistisch sachlichen Weise werden einzelne Geschehnisse zum Anlaß genommen, um Schicht für Schicht abzutragen, bis der Kern des Zusammenlebens freigelegt ist. Doch dann dämmert dem Leser, daß es gar nicht so sehr um die vier geht, sondern viel eher um die Geschich­te eines von ihnen, nämlich Judes St. Francis‘. Die allerdings mit mehreren anderen in Berührung kommt, unter anderem mit den drei anderen College-Freunden.
Was interessant beginnt, verliert recht schnell an Schwung. Der Erzählstil wechselt zwischen Darstellungen eines unbeteiligten Beobachters, der Episoden um die vier Protagonisten oder um eine Figur in der 3. Person Singular (also Jude St. F.) schildert. Das ist verwirrend, bringt die Geschichte nicht voran und hemmt den Lesefluß. So mag ein Beispiel von Hunderten für die Inkongruenz der Pronomen stehen (S. 635): »Innerhalb von zwei Wochen nachdem Willem nach Texas abgereist war […], hatte ihn sein Rücken mit drei Attacken gebeutelt […]«. Nein, ‘ihn’ bezieht sich nicht auf Willem, sondern auf Jude. Aber das passiert eben, wenn der Autor die Geschichte zwar im Kopf hat, sie aber dem Leser nicht nachvollziehbar darlegt. Und von solchen Gedankensprüngen gibt es erschreckend viele.
Die Autorin stellt Jude als brillanten Kopf dar, der es trotz schwierigster Kindheit zu beruflichem Erfolg, Eigentumswohnung (eher schon Palast) und Wohlstand gebracht hat. Doch die Geschichte und die Schicht um Schicht freigelegten Geschichtchen, die auf knapp 960 Seiten präsentiert werden, lassen an dieser Brillanz doch stark zweifeln. Ehrlich gesagt kann man sich bereits ab dem ersten Sechstel des Romans des Eindrucks nicht erwehren, daß Jude ein „mächtiges Ding an der Waffel” hat. Im Laufe seines Lebens, das in der Mitte seines sechsten Lebensjahrzehnts auf theatralische Weise endet, fehlt es immer und immer wieder an Lebensreflexion – bis hin zur Selbstlüge und dem Brechen von Schwüren sich selbst und seinem Adoptivvater gegenüber. Na toll, na prima, was soll man daraus als verallgemeinerungswürdig mitnehmen? Ist denn eine lokale Absonderlichkeit nicht eine Nullbotschaft? Etwas, das höchstens nur dann von allgemeinerem Interesse sein könnte, wenn es mit der Allgemeinheit in irgendeiner Form verwoben ist? Möglicherweise sah die Autorin diese Verknüpfungen, doch scheint sie versäumt zu haben, sie auch darzulegen.
Doch vielleicht will der Roman nur ganz anders gelesen werden? Vielleicht ist es gar kein Zufall, daß Jude als knallharter Anwalt im wahren Leben der Schauspieler ist und sein Freund und spätere Liebe (sofern man das, was zwischen einem aufopferungsvollen Liebenden und einem egoistisch nur Nehmenden stattfindet, als solche bezeichnen mag) zwar als Schauspieler arbeitet, jedoch in der Beziehung der abwägende, rationale und niemals schauspielernde Part ist? Sicher! Das Geschreibsel von knapp eintausend Seiten bietet breiten Interpretationsspielraum. Nur ist dann die Güte einer Geschichte in solchem Fall nicht vielmehr dem Interpreten und weit weniger dem Buchschreiber zuzuzählen?
Wie auch immer: das Buch hat ein paar gute Seiten, etwa so:Damit ergibt sich als Gesamtwertung etwa diese:

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…desillusioniert
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40 Antworten zu Buch 96 – Ein wenig Leben

  1. YDU schreibt:

    Schau einfach in einer klaren Nacht in den Sternenhimmel und trag das Ergebnis am Ende ein! Irgendwie wird ja doch alles wieder gut … 😉

  2. finbarsgift schreibt:

    Knallhartes Urteil mal wieder *g*

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