189 Tage vor Luther

Hmm: 25. Mai 2017, also Christi Himmelfahrt. Das ist zwar nicht gerade der Reformationstag (dessen fünfhundertste Wiederkehr in der Bunten Republik ja mit viel Brimborium zelebriert wird), aber vielleicht doch eine Gelegenheit, einen Blick auf Luther zu werfen, der in der aktuellen Festtagslaune womöglich nicht so gern gesehen wird.
Gibt es eigentlich halbwegs verläßliche Zahlen darüber, wieviele Tote in direkter und in nachrangiger Folge von jenem Mönchlein billigend in Kauf genommen wurden, als er – in allerbester Absicht! – „erleuchtend” in Kirchendogmen eingriff? Ob wohl noch Platz ist im Pantheon der Persönlichkeiten, die millionenfach an Menschen wegwerfend handelten? Oder besteht etwa Luthers Verdienst darin, eine der Weltreligionen deinstalliert zu haben, was manchen Nachkommenden seines Glaubens beraubt hat oder letztlich gar seines Seelenfriedens?

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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9 Antworten zu 189 Tage vor Luther

  1. hansarandt schreibt:

    Es gibt sehr gute Bücher über die dunklen Seiten Martin Luthers. Er war für die Verbrennung von Hexen, die Folterung und Hinrichtung von Ketzern (obwohl er selber einer war), für die Liquidierung der Juden, die Bevormundung der Frauen, hat den Weltuntergang herbeigesehnt und war möglicher Weise sogar selbst in seiner Jugend ein Mörder, jedenfalls behaupten das einige Wissenschaftler.

    Die meiste Zeit in seinem Leben war er schwer krank und konnte gar nicht arbeiten. Seine zeitgenössischen Gegner waren davon überzeugt, dass er diese ganzen Texte unmöglich alle selbst geschrieben haben kann, schon allein deshalb, weil er nicht genügend gut Latein konnte.

    Seine Griechisch-Kenntnisse soll er sich auf der Wartburg angeeignet haben, unmittelbar bevor er das Neue Testament in nur elf Wochen (inkl. dem Erlernen der Sprache) ins Deutsche übersetzt haben will. Es war nicht die erste Bibelübersetzung ins Deutsche sondern bereits die sechszehnte.

    Es gibt von Luther in der Weimarer Gesamtausgabe (80 Bände 120.000 Seiten) so viele Buchstaben wie von keinem anderen Menschen in der Weltgeschichte. Mir scheint, er hatte mehr Ghostwriter als die Präsidenten der Europäischen Gemeinschaft zusammen genommen.

    Soweit ich sehe, hat man in der Wissenschaft bis heute versäumt, dieser sehr interessanten Quellenlage auf den Grund zu gehen, obwohl eine solche Quellenkritik bei Historikern geradezu vorgeschrieben ist.

    Keine seiner „Erkenntnisse“ war neu. Fast alle waren über hundertfünfzig Jahre alt und stammen von John Wiclif in England. Wiederholt wurden sie von Jan Huss in Prag und wieder fünfzig Jahre später von Luther und vielen anderen.

    Fast alles, was wir in der Schule lernen, der Thesenanschlag, das Gewitter in Stotternheim wegen dem er Mönch geworden sein will, sein Turmerlebnis, als ihm klar wurde, dass nach Galater 3,24 allein die Gnade wichtig sei (das berühmte solus steht nicht im Urtext sondern wurde von Luther selbst eingefügt), und die wunderschöne Geschichte mit dem Tintenfass, mit dem er nach dem Teufel geworfen hat, sind Legenden.

    Luther wurde von der ersten Stunde an und wird es noch heute wie ein Heiliger verehrt. Gerade Luther, wo doch er es war, der die Heiligenverehrung abschaffen wollte.

    Luther war, soweit ich sehen kann, ein Werkzeug in den Händen sehr mächtiger Interessen in Gestalt der Kurfürsten von Sachsen und dem Regenten in Hessen. Der König von Dänemark und später Gustaf Adolf von Schweden haben sich dieser Bewegung gegen Rom angeschlossen.

    Was damals passiert ist, kann man mit dem Brexit vergleichen. man wollte nicht mehr abhängig sein von Rom (Brüssel), wollte kein Geld und keine Steuer dorthin abführen und das Geschäft alleine machen.

    Es kam wie es kommen musste: Der schrecklichste Krieg, den die Welt bis dahin gesehen hatte, der Dreißigjährige Krieg, nahm in Wittenberg seinen Anfang.

    Der Treppenwitz der Geschichte ist: Hätte es nicht damals schon die Türken gegeben, die vor Wien standen und dem Deutschen Kaiser großes Kopfzerbrechen bereiteten, wäre die Reformation schon viel früher militärisch bekämpft und genau so niedergeschlagen worden wie die Bauern, die sich zeitgleich erhoben hatten.

    Die Reformation wäre dann zu einer Randerscheinung der Geschichte geworden, für die sich allenfalls noch Historiker interessieren.

  2. Marcello Francé schreibt:

    Ich finde, dass Luther aus theologischer Sicht viele wichtigen Punkte hinsichtlich der katholischen Glaubenslehre angesprochen hat- er war zwar nicht der erste und nicht der Letzte, aber vermutlich der Einflussreichste.

    Ehrlich gesagt habe ich aber nicht den Eindruck, dass Luther dunkle Seiten, unter denen v.a. später Antisemtismus, aber auch blinder Autoritarismus und die Verfolgung von vermeintlich Häretikern und Hexen grundsätzlich zu kurz kommen. Bereits in der Schule haben wir diesen Themenkomplex während des Religionsunterricht ausführlich behandelt, und auch in einem sehr angenehmen Gespräch mit dem hießigen Landesbischof (und Ratsvorsitzenden der EKD) hat er mir gegenüber bekräftigt, dass das thematisiert werden müsse.

    Selbstverständlich ist das insbesondere für die Protestanten (wie auch für mich) nicht besonders einfach, und ich finde es richtig und wichtig, dass ihnen diesbezüglich wenn nötig, pardon, einen Tritt in den Hintern verpasst bekommen, um Luther nicht einseitig darzustellen. Dennoch denke ich, dass man die Ideen auch von den Personen getrennt betrachten kann, ansonsten sollte sich ja heutzutage kaum mit irgendwelchen älteren Philosophen auseinandersetzen, weil diese ja auch (aus heutiger Sicht) seltsame oder allgemein nicht akzeptierte Ideen vertraten.

    Andererseits verstehe ich nicht, wie Leute sich freiwillig als “Lutheraner“ bezeichnen können, ich finde diesen Namen furchtbar und würde es eher als eine Beleidigung auffassen (wie auch der inzwischen kaum noch anzutreffende Begriff Mohammedaner für Muslime).

    Wobei es mit dem Schlagwort “Glauben“ als alleinigen Auslöser von Kriegen in den meisten Fällen ein bisschen zu sehr vereinfacht wird. Es geht natürlich meistens nicht nur um theologische Streitpunkte. Natürlich gab es bspw. altorthodoxe Mönche, die sich selbst angezündet haben, weil sie nicht bereit waren, sich mit drei Fingern zu bekreuzigen oder drei Mal Halleluja zu sagen, aber das ist wohl eher die Ausnahme. Während der Bauernkrieg definitiv zu einem weiteren Schandfleck auf seiner Vita wurde, bin ich mir bei anderen Folgen nicht siche, z.B. ob er andere Konflikte- sagen wir mal den Dreißigjährigen Krieg – zu verantworten hat,

    Bspw. kämpfte dort ja bekanntlich das katholische Frankreich mit dem protestantischen Schweden zusammen…

    • ausgesucht schreibt:

      Merkwürdig, Du hast da (neben anderen, die ich frohgemut „abnicke”) zwei Gedanken in zwei Absätze separiert, die m. E. untrennbar ein einziger sind, sich aber widersprechen (vor der gedanklichen Vereinigung, versteht sich). Ist das sibyllinisch genugt? Des Rätsels Lösung ist einfach: Wie paßt der Satz: »dass man […] Ideen auch von den Personen getrennt betrachten kann« zur Diskussion von Luthers Einfluß (und etwa den der reformatorischen Ideen) auf die Geschichte der letzen 500 Jahre?

      • Marcello Francé schreibt:

        Nun- ohne Luther kein Einfluss von Luther auf das Weltgeschehen, vermute ich mal (anderer an seiner statt, das vielleicht). Ich meine, dass ein Konzept wie “sola fide“ , das durch Luther popularisiert wurde, auch unabhängig davon betrachtet werden kann, dass es er war, der dieses Konzept bekannt gemacht hat (wenn man bspw. in Betracht zieht, dass Thomas von Aquin ähnliche Ideen bereits viel früher verlauten ließ).

        Andererseits hast du natürlich recht, dass wir wrsl. nur deswegen davon wissen, weil es eben er gesagt hat. Damit wollte ich sagen, dass theoretisch die Ideenwelt unabhängig davon ist, wer etwas sagt. Das ist natürlich eine idealisierte Vorstellung, die nicht als Modell für die real existierende Welt gelten kann, sondern eben nur für eine ideale, weil sie davon ausgeht, dass einem alle Ideen gleichermaßen zugänglich sind (sind sie nicht) und gleich gewichtet werden (werden sie ebenfalls nicht).

        • ausgesucht schreibt:

          … aber die (heute) akademische (und damals zudem meist scholastische) Welt ist doch aber eine idealisierte; so wie Du es ja oben skizziert hast. Umso verwerflicher (und unverständlich sowieso), daß Personen und nicht beispielsweise Lehrsätze oder Konzepte wie Autoritätsbeweise vorgeschoben sind. Ja, Luther hatte Vorgänger, hatte Mitstreiter. Und das „sola fide” ist ja nicht als Gegenentwurf zur kath. Kirche popularisiert worden, sondern zur Festigung und „Entschlackung” genau dieser Kirche.

          • Marcello Francé schreibt:

            Ja, das ist nicht so popularisiert worden, aber es ist nicht die alleinige Schuld der Protestanten, dass die Kirche in die Brüche gegangen ist. Innerkatholische Reformationsversuche war ja anscheinend nicht möglich.

            Der (erst Jahrhundert) später einsetzende Antikatholizismus mag zwar nicht gerade das Gelbe vom Ei gewesen zu sein, aber die Borniertheit und der Herrschaftswahn, der als Ultramontanismus unter dem seligen Pius (Nr. 9, wenn ich mich nicht irre) im “Syllabus errorum“ vortrat, zeigt beispielhaft, wie wenig die Kirche bereit war, auf Reform und Kompromiss zu setzen. Natürlich könnte man argumentieren, dass das ohne Protestanten ja “gar nicht nötig“ gewesen wäre, was sich ja schlecht widerlegen lässt, aber stattgefunden hat es dennoch.

            • ausgesucht schreibt:

              Aus vorigen Artikeln und Kommentaren glaube ich mich zu erinnern, daß wir in Fragen Kirchen-Dogmata (noch immer) recht unterschiedliche Ansichten haben: Dogmatismus ist nun einmal nicht reformierbar. ^^

              • Marcello Francé schreibt:

                Das ist natürlich eine Position, welche die Bibel bspw. stark unterstützt.

                “Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe.“ (Matthäus 27, 6)

                Und trotzdem hat gerade er, abgesehen natürlich von der grundsätzlich von der Mehrheit der Juden abgelehnten Selbstdarstellung als Messias, so viel reformiert, dass er deswegen in bestimmten Kreisen (insbesondere derer, die ihre Machtposition auf die Unfehlbarkeit ihrer selbst so bestimmten Dogmata, die ihnen ihre Machtposition ermöglichten) als Gefahr angesehen wurde:

                “Da versammelten sich die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Ältesten im Volk in den Palast des Hohenpriesters, der da hieß Kaiphas, und hielten Rat, wie sie Jesus mit List griffen und töteten.“ (Matthäus 26, 3-4)

                Ob ein Dogma reformiert werden kann, hängt natürlich auch gewissermaßen von dem Gewissheitsgrad der jeweiligen Annahme an. Je mehr D. natürlich als “de fide divina et catholica definita“ festgesetzt werden, desto enger ist der Interpretationsspielraum gesetzt.

                Das erinnert mich an die Geschichte über “Das Abreißen der Ähren am Sabbat“, nach deren Ende der Priester in die Runde fragt, ob es dazu noch Fragen gäbe. Ein konservatives Gemeindemitglied meldet sich und meint: “Verzeihung, das habe ich mich schon länger gefragt: Finden Sie nicht auch, dass der HERR in diesem Fall zu liberal war?“

              • ausgesucht schreibt:

                Ja, es gibt eine Ebene, in der diese „Herleitung” plausibel ist und nichts als im Grundsatz Zustimmung hervorrufen kann.
                Ja, eine kaum zu verlachlässigende Mehrheit (mit eher evangelischem Gepräge) wird diese Ebene akzeptabel finden und sich sogar in ihr heimisch fühlen.
                Doch nein, sie ist mir (also nach persönlichem Dafürhalten) nicht naheliegend genug, denn man gelangt zu ihr nur über das verdammt schmale Brett, daß „er […] so viel reformiert habe”. Hat er wirklich?

                Im übrigen halte ich Dogmata für unreformierbar.

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