Buch 97 – Ich bin niemand

Der Titel des Romans ist gut gewählt, zumindest lädt er zum Lesen ein: Ich bin niemand. Spätestens nach dem Überfliegen des Klappentextes stellt sich heraus, daß es weniger um den Stoßseufzer eines sich minderwertig fühlenden Menschen als vielmehr um die möglicherweise in der heutigen Zeit einem jeden zugedachten Rolle in der Gesellschaft geht.
Und dann entwickelt P. Flanery auf knapp 400 Seiten einen Roman, in dem Prof. J. O’Keefe als ich-erzählende Hauptperson sein Leben in NY rekapituliert, wobei die jüngsten paar Jahre von Merkwürdigkeiten geprägt sind, die mit seinem etwa zehnjährigen Auslandsaufenthalt in Oxford in einem erst noch zu ergründenden Zusammenhang zu stehen scheinen. Solche Merkwürdigkeiten sind beispielsweise anonym zugestellte Pakete voll von Protokollen individueller Aktivitäten, also Telephonverbindungen, Email-Kontakte oder auch private Photos.
Der Autor leistet sich den Luxus einer falschen Fährte, indem er den Protagonisten an ein psychisches Problem glauben läßt, den er Wahrnehmungsstörungen befürchten läßt. Dieses Sonderlöckchen ist dann auch schon zu Ende, als ihm seine Tochter und sein Schwieger­sohn bestätigen, nichts Auffälliges zu bemerken. Bei einem guten Romancier hätte man erwarten können, daß er ein Wort darüber verliert, warum die beruhigenden Worte aus der Verwandtschaft oder einer Psychologin ihrerseits nicht durch die gemutmaßte Wahrnehmungsstörung getrübt sein sollen. Und wie ist das mit der Erzählform? Irgendwo im Roman bezeichnet O’Keefe sie als Tagebuch. Großes Wort, das nicht trifft. Der Professor schreibt nach seiner Rückkehr aus Oxford und geheimnist munter vor sich hin. Doch dann stellt sich auf einer der letzten Romanseiten heraus, daß er England verlassen mußte, weil er mit ungezügelter Libido in einem Kulturkreis fremdgepoppt hat, der von offizieller bzw. handlangend-geheimdienstlicher Seite als terrorismusnah eingestuft ist. Trotzdem brauchen Hr. Prof. einige Hundert Seiten, um sich eine durchaus naheliegende Assoziation zu leisten. Naja. Oder wie ist das mit dem geistigen Erguß jenes Professors, der sich so liest: »In einer Gesellschaft aufzuwachsen […] bringt es auch mit sich, sich von Kindheit an daran zu gewöhnen, unter Beobachtung zu stehen« (S. 91). Dennoch greint der Protagonist immer und immer wieder darüber, beobachtet zu werden. Und wie das geschieht: da taucht plötzlich eine geheimnisvolle Figur auf, die Stunden und Tage damit zubringt, persönlich als Menetekel in der Landschaft zu erscheinen, um auf eine nebulöse Gefahr hinzuweisen. Ein anonym auf dem gleichen Weg zugestellter Brief, den auch die Pakete genommen haben, oder ein „Beipackzettel” bei jenen sind wahrscheinlich zu kompliziert. Oder zu aufwendig? Da soll doch dem Leser lieber eingeredet werden, Menschen hätten etwas mit dem eigentlichen Akt des Ausspionierens zu tun und nicht etwa stupide Maschinen, die gefühlslos ihre Algorithmen abspulen. Sicher doch, es heißt „Big Data”, aber doch nicht, weil eine große Zahl von Schlapphutträgern sich mit der Spionage im Intimen und gelegentlichen Sentimentalitäten beschäftigen würde, wie es der Roman suggeriert.
Apropos Suggestion. Als „Therapie” gegen das Ausspioniertwerden empfiehlt der Autor schonungslose und umfassende Selbstoffenlegung. Herr, laß Hirn regnen…

PS: Auf dem Schutzumschlag steht diese Einschätzung des Romans:
»Ein dichter, mutiger, souverän erzählter Roman über das Zeitalter der Überwachung von einem Autor mit einem frappierenden Gespür für Neurosen und Ängste, die den Zustand unserer modernen Welt definieren.« HANYA YANAGIHARA.
Tja, so trifft man sich wieder (siehe hier), aber nicht jedes Wiedersehen macht Freude…

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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4 Antworten zu Buch 97 – Ich bin niemand

  1. Aristobulus schreibt:

    Also hat Ihnen das Buch inhaltlich nicht gefallen.
    Hm, aber es handelt sich nicht um einen Essay über Auslandsaufenthalte mit eventuellen Schlapphüten, sondern, hm, über die Wahrnehmung eines, der über jemandes Wahrnehmung schreibt. Denk ich mir so.
    Wie ist das Buch denn so als Buch, also als Bild aus der Innenwelt dieses Professors?

    • ausgesucht schreibt:

      … gähnend langweilig ist es. Das könnte (Konjunktiv!) anders sein, wenn der Autor es geschafft hätte, die Figur des Profs irgendwie nahezubringen. Ist aber nicht an dem. Da wuselt irgendwo gewissermaßen ein Papiertiger durch die Seiten, der mich einfach nicht anspricht. Hie und da ein ebenso kleinlicher wie oberflächlicher Gedanke. Nichts, was auch nur 1 Ångstrøm über die eigene kuschelige Ofenecke herausragt, nichts von allgemeiner Bedeutung und fast nichts von menschlichen Eigenheiten, die mitfiebern lassen würden…

  2. YDU schreibt:

    Als Regenmacher der besonderen Art sehe ich für dich keine echten Zukunftschancen! Übringens, der Stern ist Dir sehr gut gelungen, hast Du zufällig auch dies wunderbare Lied komponiert, das durch die Alpentäler klingt und die Ursache für so manch unerklärliches Schneebrett war?

    • ausgesucht schreibt:

      Soso, also wieder nix mit Regenmacher, nicht mal der besonderen Art… 🙂

      Daß der Stern ganz gut gelungen scheint, mag daran liegen, daß ich lange an ihm gebastelt habe; etwa 400 Seiten lang.
      Und nein, meine Sterne sind – erinnere Dich des Blog-Namens – allesamt unerhört. 🙂

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