Was sich überhaupt sagen lässt, bleibt unverstanden

Vor ein paar Tagen habe ich, der Serie von Fehlversuchen leid, die im Namen der Belletristik alles andere als schön daherkommt, Blick und Portemonnaie einem eher unter der Überschrift Sachbuch firmierenden Exemplar zugewandt.
Es handelt sich um ein von Isabella Nelte herausgegebenes »Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft« aus dem Piper-Verlag. In diesem Buch (später [vielleicht] mehr dazu), lassen sich sieben Texte finden, die (recht willkürlich) drei Schlagworten zugeordnet sind: Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnisse.
Einer dieser Texte, die im oben genannten Lesebuch Denkanstöße für das Jahr 2018 geben sollen, stammt von Helge Hesse. Dieser veröffentlichte 2016 bei Piper ein Buch mit dem Titel: Mit Platon und Marilyn im Zug. Was uns die Begegnungen berühmter Persönlichkeiten über die großen Fragen des Lebens verraten. Daraus stammt der Text, der einige Episoden aus dem Leben von L. Wittgenstein schildert. Im Vorwort zu seinem Tractatus logico-philosophicus findet sich der Satz: »Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen.« Ein hübsches Sätzchen, doch gilt seine klare Aussage denn auch (soll heißen: Ist dieser – vielleicht sogar klar gesagte – Satz auch wahr)?
Ist denn auf der internen Ebene dieser Wittgensteinsche Satz nicht bloß ein Pleonasmus? Freilich denkt man so lange, bis eine Idee ausformuliert, also auch aussprechbar ist. Aber könnte hinter der nächsten Hirnwindung nicht vielleicht eine viel klarere Formulierung an der Innenseite der Denkkuppel zu lesen sein? Doch der Sprechwillige begnügte sich bereits mit der gefundenen und anscheinend klaren Formulierung.
Und ist auf der logischen Ebene dieser Wittgensteinsche Satz nicht sogar falsch? Zumin­dest in formalen (Sprach-)Systemen gilt der Gödelsche Unvollständigkeitssatz. Ob wohl die Aussagen einer „gewachsenen” Sprache nun gerade klar sind, mag derjenige am besten bewerten können, der sie in eine andere Sprache zu übersetzen versucht. Doch selbst wenn eine synthetische Sprache sich(!) so weit entwickelt, daß sie nach 7,5 Mio. Jahren zu einer klaren Aussage kommt, beispielsweise etwa ‘42’, ist noch lange nicht klar, was von dieser Aussage verstanden wird. Also kann der Wittgensteinsche Satz, wenn überhaupt, nur gelten, wenn das ‘Sagen’ die Empfängerseite integriert. Die ist aber vom Sagenden weitgehend unabhängig. Einem Kleinkind etwas „klar zu sagen” ist etwas anderes als einem Studienkollegen. Das vermeintlich klar Gesagte müßte irgendwie verstanden werden. Die Information, was denn nun verstanden wurde, müßte klar angesagt werden – und schon liegt ein klassischer Zirkelschluß klar(!) auf der Hand.

Kurz: Was sich überhaupt sagen läßt, wird alles andere als klar verstanden.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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5 Antworten zu Was sich überhaupt sagen lässt, bleibt unverstanden

  1. alphachamber schreibt:

    Hallo!
    Sind hier nicht verschiedene Probleme vermischt worden?
    Wir geben Wittgenstein recht. Wir denken durch die Sprache. Wenn es etwas zu vermitteln gibt, ist die Sprache die ultimative und damit genaueste Form des Ausdrucks. Es ging W. um das Prinzip, dass alles was sich denken auch beschreiben lässt. (Ich bin mir sicher, W. bedachte die Variablen geistiger Entwicklung der Empfänger). Er hat diese Aussage postuliert innerhalb seiner Arbeit über „Zweifel und Gewissheit“, worin Begriffe Entitäten beschreiben, nicht Entitäten aus Begriffen entstehen. Gödel oder nicht, unsere Vernunft und Logik richtet sich nach dem Gesetzt der Identität (A = A) Kann man sich „klar“ ausdrücken unabhängig des Empfängers? Absolut, sonst würde niemand Prüfungen jeglicher Art bestehen. Auch die Mathematik ist eine Form der „Sprache“, des Ausdrucks. Das in sich bedeutet die Möglichkeit (und Recht), dass ein Hirn ein anderes anzweifelt. Davor bewahren uns nur die Normen der Realität 🙂
    HG

    • ausgesucht schreibt:

      In der Tat, es sind verschiedene Dinge/Sachverhalte vermischt. Nein, ein Problem ist nicht dabei.
      Es geht um etwas mit einer gewissen Nähe zur Philosophie – ist da nicht immer die Gesamtsicht einem solitären Tunnelblick vorzuziehen, nein: zwingend erforderlich? Was nützen Sophistereien an einem Punkt, den es in der Realität gar nicht gibt? Der seinerseits nur ein abstraktes (und auch nur sprachlich festlegbares) Objekt ist?

      Und nein, ich möchte widersprechen: Sprache ist nicht ‘die ultimative und damit genaueste Form des Ausdrucks’, sondern die einzige. Sind denn alle anderen Attribute nicht bloß Kleister, der den klaren Blick trüben soll?
      Und noch ein Einwand: Warum werden ‘Vernunft und Logik’ in einem Atemzug genannt? Sind es nicht völlig verschiedene „Dinge“? Das eine ist ein Abstraktum, das es in der Realität so gar nicht gibt und nur durch Idealisierung geschaffen/komponiert wurde, nämlich in Anlehnung an die Realität, nicht aber als diese selbst. Für dieses Abstraktum gilt freilich, nämlich per definitionem, die Identität A = A. Hingegen gilt diese Identität auf dem „Bolzplatz“ der Vernunft eben nicht, zumindest nicht generell.

  2. alphachamber schreibt:

    ich füge noch hinzu, dass „ausgesucht“ einer der wenigen Blogs – auf unserem Radar – ist, den zu lesen es sich wirklich lohnt und geistige Nahrung bietet. Sie machen das sehr gut.

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