Anspruch und Wahrheit

Es ist vielleicht ein wenig verfrüht, das von Isabella Nelte heraus­gegebene »Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissen­schaft« aus dem Piper-Verlag bereits im Jahr 2017 zu lesen, da es ja dem Namen nach erst 2018 seine volle Wirksamkeit entfalten dürfte, aber schmulen ist hier möglicherweise ein verzeihliches Laster.
Da gibt es auf den Seiten 121 bis 158 einen Text von Alexandra Senfft, der sicherlich zurecht in das Lesebuch aufgenommen wurde: „Der lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NS-Geschichte”. Die Aussagen dieses Textes, der von der Herausgeberin des Lesebuchs unter dem Schlagwort Einsichten einsortiert wurde, funktionieren nur auf der Grundlage eines Erbschuld-Dogmas: Weil Groß- oder Urgroßeltern im zwölfjährigen Nazireich Mitläufer oder sogar Täter waren, sind alle Nachfahren bis in alle Ewigkeit selbst schuldbeladen. Es könne zwar durch Verdrängung und strikte Verzerrung der Geschichtswahrnehmung versucht werden, Schuld- und/oder Schamgefühle gewissermaßen zu bändigen, aber das würde „an der Psyche nagen und zu unreflektierten Handlungen und Verhaltensweisen führen” (S. 122). Ein für das Heute postuliertes Moral- bzw. ethisches Konzept wird über Weltanschauung und Motivation von Personen gestülpt, die vor rund 75 Jahren Handlungsentscheidungen fällen mußten. Und dabei wird kategorisch(!) jede Handlung, die nicht das Ende des Nazireiches unmittelbar herbeiführte, als verwerflich eingestuft. Wer als Bürger dieses Reiches die Nazizeit irgendwie überstanden hat, ist Täter. Punktum!
Soweit ist der Senfftsche Text – tja, wie soll man sagen? –, ist der Text interessant. Zu einem Denkanstoß wird er durch sein abschließendes Kapitel. Es wird geschildert, was einer gewissen Paula während eines Treffens „mit einigen ihrer Kollegen” (S. 157) wider­fuhr, bei dem über Flüchtlinge gesprochen wurde. Plötzlich sei das Wort „Gutmensch” gefallen. Paula „war entsetzt und sah den Ethos ihrer ganzen Berufssparte verletzt: ›Therapeut sein heißt, anderen grundsätzlich offen und empathisch zu begegnen und sich nicht von Klischees und Vorurteilen leiten zu lassen!‹” (S. 158).
Wieso Denkanstoß? Nun, ich empfinde es als durchaus anstößig, daß zwar die moralischen Feigenblätter „Offenheit” und „Vorurteilsfreiheit” ostentativ hervorgekehrt, aber zugleich pluralistische Auffassungen zu historischen Dingen (der Gesellschaft oder auch „nur” der eigenen Familie) tabuisiert werden (siehe oben: Erbschuld). Lieber wird ein neuer katego­rischer Imperativ gestiftet: „Tue alles, um Dein Leben so einzurichten, dass Du die Welt in einem möglichst geordneten Zustand an die nächste Generation weitergibst!” (S. 141).
Kann man denn aber das weitergeben, was man gar nicht(!) besitzt? Und wer/was bestimmt, was Ordnung ist? Und wird nicht missionarischer Eifer nur dann positiv vermerkt, wenn die Mission gelungen ist, also von den Nachfahren nicht als verwerflich abgestempelt wird?
Was meint Frau Senfft dazu? Sie bemüht in toleranter Weise einen Buhmann: „Statt ›Gutmensch‹ hätte Paulas Kollege auch von ›Tugendterror‹ sprechen können, Thilo Sarrazin hat ihm dafür ja die Vorlage geboten” (S. 158).

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