digital exklusiv

Wahrscheinlich ist die Zeit nicht mehr fern, in der man am gesellschaftlichen Leben nur noch teilhaben kann, wenn man sich der allgemeinen Digitalisierung unterwirft (z. B. S-ID-App). Doch was, wenn genau diese Gesellschaft einen nicht unerheblichen Anteil davon ausschließt, auch und gerade finanziell davon ausschließt, die erforderliche Gerätschaft zur Verfügung zu haben, weil man sich mit „Pack” halt nicht abgibt? Oder wie ist das mit denen, die motorisch oder intellektuell mit friemeliger Hardware oder Anmelde­algorithmen ohne Hilfe nicht zurechtkommen können?
So frage ich nicht zum ersten Mal: Wem bringt die allgemeine Digitalisierung mehr, der Wohlfahrt möglichst vieler oder dem Profit einzelner?

Advertisements

Über ausgesucht

…desillusioniert
Dieser Beitrag wurde unter abstrakt, Kritik, Zweifel abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu digital exklusiv

  1. Die Digitalisierung bringt dem am meisten, der sie durchführt und die Daten sammelt. Die Leute, die Daten geben, bekommen Privilegien zugestanden, von denen sie meinen sie zu benötigen. So gesehen ist das ein momentanes Win-Win-Gefühl, bei dem allerdings nur der Digitalisierer die Möglichkeit hat, großen kommerziellen Erfolg zu haben. Die Digitalisierten erhalten nur Lebenserleichterungen oder Entertainment. Letzteres natürlich ist geschicktes Marketing, das dem Digitalisierer zusätzlich Geld einbringt.

    Da wir in einem kapitalistischen System, ich denke dieses „böse“ Wort bringt es auf den Punkt, leben, funktioniert auch die Digitalisierung unter genau denselben Gesetzen. Innovativ ist aber, daß es dem „Konsumenten“, für mich ein viel böseres Wort, dabei nicht bewußt wird, was er dem Digitalisierer dafür zahlen wird.

    Eine „sozialistische“ oder staatliche Digitalisierung wäre aber weitaus schlimmer, da diese unter Zwang geschehen würde und so die vermeintlichen Vorteile für den Digitalisierten zweifelhaft werden würden. Er würde den „Trick“ zu schnell bemerken und das erzeugt Widerspruch.

    Ich denke Digitalisierung ist ein selbstlaufender Trend, weil sie der unbewußten Sehnsucht der meisten Menschen nach einem „Big Brother“ entspricht. Warum sind Massenmedien so präsent? Warum bilden sich Staaten? Ganz einfach weil 90% der Menschen genau solche Konstrukte brauchen und wollen. Die anderen 10% meiden diesen Trend, so gut sie können, oder setzen sich an seine Spitze um die Masse besser manipulieren zu können. Das kann man die menschliche Tragödie oder je nach Standpunkt Komödie nennen.

    Ich denke nicht, daß Digitalisierung soziale Grenzen nach unten ziehen wird. Im Gegenteil: jeder soll Internet, besser Smartphone haben. Jeder ein Girokonto, da das die modernen Herrschaftsinstrumente sind.

    Viel mehr ist es eine Frage des Geldes davon weitgehend frei zu bleiben. Vergleiche Kosten Briefporto versus Kosten einer Email usw. Eine persönliche Digitalisierung in einem autarken Heimnetzwerk wäre durchaus kreativ aber teurer. Aber auch hier will der Staat drauf zugreifen. „Terrorbekämpfung“ 🙂 Aber viele andere würden so außen vor bleiben und man hätte sich mehr Freiheit erhalten.

    • ausgesucht schreibt:

      Hm, ich stimme in groben Zügen mit Deiner Kommentierung überein, halte aber doch ein paar Nuancierungen für erforderlich. Nehmen wir z. B. den Anfang des Kommentars: »Die Digitalisierung bringt dem am meisten, der sie durchführt und die Daten sammelt. Die Leute, die Daten geben, bekommen Privilegien zugestanden, von denen sie meinen sie zu benötigen.«
      Sind denn diejenigen, die ‘Digitalisierung durchführen und Daten sammeln’ nicht auch nur Erfüllungsgehilfen? Sicherlich, sie befinden sich wohl am hinteren Ende der Daten-Nahrungskette – werden also durchaus recht gut gemästet sein –, aber sind das die wirklichen(!) Profiteure? Oder sollte man dabei nicht eher an diejenigen denken, die Infrastrukturen schaffen, erhalten und ausbeuten, die die Digitalisierung in der aktuell praktizierten Weise, also alternativlos, scheinbar erforderlich machen und monopolistisch das Datensammeln überhaupt erst ermöglichen?

      Und ist die Formulierung, daß die Probanden ‘meinen’ würden, die ‘zugestandenen Privilegien’ auch nutzbringend zu benötigen, nicht ein bißchen schwach? Ob die Realität nicht vielleicht noch viel brutaler erzeugt wird? Akzeptiere, daß die dank der Digitalisierung verfügbar gemachten Gimmicks das Beste sind, was dir passieren kann! Anderes werden wir [siehe vorangehenden Absatz] nicht zulassen! Füge dich oder verrecke!
      Da wird es keine Wahlmöglichkeit (mehr) geben, da geht es um die totale Übernahme der Individualität der Menschheit durch Bits und Bytes…

      • Du willst da mehr in das Metaphysische? Ist dann ein sehr tiefes Thema. Big Data, künstliche Intelligenz und Transhumanismus. Letztlich werden die Menschen versuchen von sich unsterbliche, digitale Abbilder zu erschaffen. Das entspricht ihrer Sehnsucht sich selber zu erhalten. Diese Abbilder werden dann zunehmend die subjektive Realität determinieren, um von der durch Technik zerstörten und beherrschten Umwelt in eine Scheinwelt entfliehen zu können. Natürlich werden die von den Mächtigen manipulierten Algorithmen den Menschen einreden, alles wäre ok, weiterträumen. Das sei sogar CO²-neutraler und besser für die dann sowieso schon zerstörte Umwelt, als Joggen gehen zu wollen. Das ist Teil ihrer Programierung das zu glauben. Heute ist Joggen noch Bestandteil ihrer Programierung. Besonders in den USA.

        Wäre so etwas wie in dem Matrixfilm, der deshalb so viele fasziniert, weil er reale Ängste und dahinterliegende technologische Entwicklungen aufgreift.

        Das wäre eine Perfektionierung des Prinzip‘ Macht. Nenn es Narzissmus, Geld oder ordnende Prinzipien. Alles geht auf das Prinzip Macht hinaus. So eine Welt wäre die unspirituellste Welt, die Menschen je erschaffen hätten und ja: Menschen haben den Teufel erschaffen und letztlich zum Leben erweckt. Und wer kann heute mit dem Begriff „spiritueller Welt“ etwas anfangen? 10%?

        Das Gegenprinzip zu Macht ist übrigens bedingungslose Liebe. Diese beiden Pole können sich nicht auslöschen, da sie aneinander bedingen. Nur wer mit beiden Prinzipien nichts anfangen kann wird zur amorphen Masse in so einem System. Lebend, aber schon tot. – der Seele beraubt.

        Denkst Du an so was?

        • ausgesucht schreibt:

          Nö, es muß nicht unbedingt mehr Metaphysisches sein. Aber auch das Metaphysische ist ein Aspekt, der bedacht sein will (vgl. hier).
          Du hast viele Sachen angesprochen, die von den meisten möglicherweise viel zu wenig beachtet werden. Zu unrecht, wie mir scheint. Das mag eine Sitte (oder besser Unsitte) unserer hektischen und viel zu häufig durch ein Effizienzedikt geprägten Zeit sein. Doch früher oder später dürfte es sich rächen, wenn eine Facette, die nun einmal Bestandteil des Menschseins ist, so schmählich geringgeschätzt wird – maßhalten ist nicht nur an dieser Stelle eine gehörige Kunst.

          Im übrigen halte ich die kategorische Aussage, daß bedingungslose Liebe das Gegenprinzip zu Macht sei, für nicht zutreffend. Gibt es denn nicht Liebe, die auf Macht beruht? Insofern könnte ‘bedingungslose Liebe’ (oder vielleicht eher die Selbstaufgabe an den anderen, ohne sich dabei selbst aufzugeben) ein starkes Gegengift gegen Machtgelüste sein, nicht aber ein Gegenpol.

  2. jay pacific schreibt:

    Digitalisierung als neues Schreckgespenst nach Globalisierung?
    Fortschritt passiert da, wo sich die Leute mehr Gedanken um den Nutzen technologischer Entwicklungen machen, als um mögliche Risiken und die unvermeidliche Wahrheit, dass nie alle gleichermaßen von was auch immer profitieren werden.
    Und da man in Deutschland mehr Angst als Visionen hat, findet Fortschritt eben anderswo statt, USA und Asien. Und nicht mehr gemächlich, sondern exponentiell.

    • ausgesucht schreibt:

      Es fällt mir etwas schwer, hier eine Antwort zu finden; ich will es trotzdem versuchen.

      Ich empfinde es so, als würdest Du Schlagworte benutzen, um gegen Schlagworte anzukämpfen. Kann man machen, läßt aber wenig Spielraum, um nicht selbst Schläge abzubekommen. 😉
      Du verwendest das Schlagwort: »Nutzen technologischer Entwicklungen«. Hm, naja, Nutzen für wen, auf wessen Kosten? Und hat ‘man in Deutschland mehr Angst als Visionen’? Oder sprechen da Vorurteil und Klischee?
      Und ist das Attribut „exponentiell” zur Beschreibung von Wachstumsgeschwindigkeiten nicht unspezifisch nichtssagend? Nicht nur, weil exponentielle Entwicklung mit einem Potenzwert kleiner als Eins eine Schrumpfung ist (Potenz = 1 ergibt Stillstand), sondern auch, weil exponentielles Wachstum zwangsläufig an eine natürliche Grenze stoßen muß. Wie kann man einen Prozeß, der Umwelt, Ressourcen oder was auch immer verschlingt, ohne kontexturale Einbettung pauschal attraktiv finden?

      • jay pacific schreibt:

        Danke für die Antwort.
        „Nutzen technologischer Entwicklung“ ist kein Schlagwort sondern Realität im Laufe der Menschheitsentwicklung. Lebenserwartung gestiegen, Armut gesunken. Gut, oder?

        „Umwelt schonen“, also Menschen derselben ausgesetzt sein lassen statt Häuser bauen und „Ressourcen nicht verschlingen“, die ja erst durch Nutzung überhaupt zur Ressource werden? Klingt nach Anton Hofreiter und das ist dann keine Diskussion mehr für mich 😉

        Exponentielle Entwicklungen und ich meine damit Verdoppelung in einem gegebenen Zeitraum, sind real und stoßen sicher irgendwann mal an eine Grenze, wo eine neue Entwicklung beginnt: Da wo beim Schachbrett alle 64 Felder mit Reiskörnern gefüllt sind, oder wenn wir bei Computerchips nach 60 Jahren (!) an strukturelle Grenzen stoßen.
        Und dann kommen Quantencomputer und es geht von vorn los.
        Übrigens wächst auch gerade die Anzahl der Bitcoin-Nutzer exponentiell.

        Auf die Gefahr hin, Dir zu nahe zu treten, hier mal ein Spruch den ich vor vielen Jahren geprägt habe: “ Über das Tempo und die Auswirkungen technologischen Fortschritts können eigentlich nur noch Fachleute staunen. Der Normalverbraucher nutzt es völlig unbeeindruckt.“

        Kann sein, dass ich damit Leute völlig unterschätze, die sich auf der Metaebene bewegen. Da gehört Hofreiter aber nicht dazu.

  3. richardhorn1963 schreibt:

    Interessante Gedanken…

    In meiner Kirchengemeinde gab es letztens eine sehr kontroverse Diskussion zu der Absicht, das Kleingeld abzuschaffen und durch eine elektronische Scheckkarte zu ersetzen. Manche fanden die Aussicht sehr hilfreich, nicht mehr Säcke voller Cent-Münzen und Groschen (ja, sie haben „Groschen“ zu den zehn Cent-Stücken gesagt!), Fünfziger und Euro-Stücke zählen zu müssen und dann zur Bank zu schleppen – andere befürchteten, dass die Spendenbereitschaft an der Kirchentür doch deutlich nachlassen würde, wenn es statt der Klingelbeutel dort eine Art Geldautomaten geben würde. Würde man dann nicht genau sehen können, wer wie viel und auch wie WENIG gespendet hätte?

    Und man könnte ja auch nicht mehr dem Bettler an der Tür des Supermarktes mal eben ein paar Münzen in die Hand drücken – ob der dann nicht auch ein Lesegerät für Kreditkarten haben müsste? Und wie viel würde wohl ein solches Gerät kosten?

    Die alten Herrschaften aus meinem Bibelkreis würden sich sehr emotional gegen solche Veränderungen wehren – sagen sie zumindest jetzt. Man weiß ja, im Laufe der Zeit lässt die Bereitschaft zu echtem Widerstand dann doch nach. „Punkte“ und „Herzchen“ sammeln sie im Supermarkt nämlich alle – und da ist ihnen ihre Privatsphäre dann doch ziemlich schnurz…

    • ausgesucht schreibt:

      Ein schönes Beispiel. Vielen Dank dafür! Es ist ja genau so, wie Du es skizziert hast. Der Mensch ist nun mal kein rationales Wesen und erst recht nicht objektiv in seinen Wertungen und Handlungen. Er will durchaus spenden, aber das soll ihm bitteschön auch ein gutes Gefühl einbringen…

      Doch den letzten Absatz in Deinen Anmerkungen verstehe ich nicht. Beispielsweise frage ich mich, ob der emotionale Widerstand gegen die oben genannten Veränderungen im Grunde den aktuellen Gegenstand (= Abschaffung des Kleingeldes und deren Folgen) meint oder eine zutiefst menschliche Abneigung gegen Veränderungen an sich. Beide Alternativen (und sicher gibt es noch viele andere mehr) haben doch ganz andere Motivationsgrundlagen. Aber ist denn die emotionale Ausrichtung des Widerstands nicht am ehesten ein Indiz für das Übergewicht der letztgenannten Alternative? Würde man im Kampf für oder wider einen konkreten Sachverhalt nicht proaktiv werden und handeln wollen? Ich meine „echtes“ Handeln und nicht nur Grummeln. Oder ist echtes Handeln nur ein Ding für junge Heißsporne und Grummeln nur eines für gesetzte Jahrgänge?

ein Kommentar ist hier möglich:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s