entschuldigen

Gestern stolperte ich bei Tristan Rosenkranz über die interessante Frage: »Warum ist eine Entschuldigung für viele Menschen so eine enorme Hürde?«
Einen Schnellschußkommentar mochte ich gestern nicht hinpinseln, lieber einmal die Fragestellung überschlafen. Und es ist, so scheint’s zumindest, gelungen. In wort­spielerischer Art könnte man antworten: Den Menschen fehlt das Entschuldi·Gen.
Ganz im ernst, keiner Banane fiele es ein, sich für ein Fehlverhalten zu entschuldigen. Und Bananen haben etwa zu 15 % ähnliche Gene wie die Menschen (Quelle: focus). Zugegeben, das ist nicht sonderlich viel, aber auch Hefepilze (30 - 50 %) entschuldigen sich für nichts.
Selbst bei „rudelnden” Tieren ist das Entschuldigen biologisch nicht vorgesehen. Wenn ein Einzeltier seine Aufgabe im Rudel (in der Herde, im Schwarm oder sonstwo) erfüllt, ist es gut. Falls nicht, verliert das Tier soziales Status (ggf. bis hin zum Verstoß). Rudelsysteme scheinen stabil zu sein, weil ein Einzelnes darin als Objekt agiert, nicht als [aktives] Subjekt. Wären sie nicht stabil bzw. stabil genug, gäbe es heute die aktuelle Form der Rudelsysteme längst nicht mehr.
Ist nicht um Entschuldigung zu bitten nicht vielleicht ein biologisches Erbe, das von ersten Lebensformen von vor rund einer Milliarden Jahre auf den Menschen überkommen ist? Seit der Erfindung des Selbstbewußtseins leistet sich der Mensch den Luxus(!), gezielt seinen Platz in der Sozialstruktur zu gestalten, indem er den anderen im Rudel Erwartungen, seine Person und Sozialkompetenzen betreffend, injiziert. Nackte Existenzangst macht den formalen Akt des Sich-Entschuldigens einfacher. Da eine solche in unserer modernen Gesellschaft recht selten vorkommt, ist Entschuldigen ein ausgesprochen rares Anliegen, nicht wahr?

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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10 Antworten zu entschuldigen

  1. finbarsgift schreibt:

    Dein klug-Gen hat wieder einmal voll zugeschlagen!

  2. lawgunsandfreedom schreibt:

    Eine gute Gelegenheit mal wieder Heinlein zu zitieren:

    „Jede Gesellschaft basiert auf Regeln zum Schutz schwangerer Frauen und kleiner Kinder. Alles anderes ist Überflüssigkeit, Auswuchs, Verzierung, Luxus oder Torheit, die im Notfall fallengelassen werden kann und muss, um das eigentliche Ziel zu bewahren. Weil die Erhaltung der Art die einzige universelle Moral ist, ist keine andere Basis möglich. Jeder Versuch, eine »perfekte Gesellschaft« auf einer anderen Grundlage als »Frauen und Kinder zuerst!« zu begründen, ist nicht nur sinnlos, sondern auch Völkermord.“ – Time Enough For Love, 1973

    (Original engl.: „All societies are based on rules to protect pregnant women and young children. All else is surplusage, excrescence, adornment, luxury, or folly, which can – and must – be dumped in emergency to preserve this prime function. As racial survival is the only universal morality, no other basic is possible. Attempts to formulate a »perfect society« on any foundation other than »Women and children first!« is not only witless, it is automatically genocidal.“)

    Ich entschuldige mich, weil es mir so beigebracht wurde. Nicht, weil ich mich „schuldig“ fühle. Deswegen funktioniert die „moralische/soziale Schuldfalle“, die so viele Leute verwenden, bei mir auch nicht sonderlich gut.

  3. Schreibware schreibt:

    Als Ergänzung zu Ihrem Kommentar: In einem Quora-Kommentar wurd ich zu der Frage, ob Tiere Reue empfinden können an den englischen Wikipedia-Eintrag „Regret“ verwiesen, worin eine Studie erwähnt wird, wonach bei Ratten als erste Spezies überhaupt Reue nachgewiesen werden konnte.

    Glaubt man dieser Studie scheint zumindest Reue in der Tierwelt vorzukommen. Interessant wäre nun zu wissen, ob sich diese Ratten auch entschuldigen konnten und wenn, was die Entschudigung für einen Effekt erzielt hat oder ob wir Mensche wirklich die Einzigen sind, die sich damit herumschlagen.

    Quellen: https://www.quora.com/Do-animals-feel-regret
    Quellen: https://en.wikipedia.org/wiki/Regret

    • ausgesucht schreibt:

      Ja, das mit der Reue mag ich an Ratten gern glauben; bei Menschen hätte ich da schon mehr Zweifel. Aber sind – beim Menschen! – nicht Reue und der Akt des Entschuldigens kaum oder vielleicht gar nicht korreliert? Wie oft haben wir um Enschuldigung gebeten, weil eine Moralinstanz, die mächtiger erschien als wir, uns dazu zwang, obwohl von Reue überhaupt keine Spur war, sondern allenthalben Verbitterung über die ungerechte Behandlung.

  4. Oft hört man ja auch den Unfug: „Ich habe mich entschuldigt.“
    Wie es aber oben steht “ um Entschuldigung zu bitten „, nur das ist möglich.

    • ausgesucht schreibt:

      D’accord! Diejenigen Zeitgenossen, die – auch wenn selbst das viel zu selten vorkommt – sich „entschuldigen wollen”, haben ziemlich genau illustriert, daß sie den elementaren Sozialakt dieses Vorgangs wohl nicht verstanden haben… ^^

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