Buch 98 – Perrudja

Es ist nicht wirklich leicht, den Roman Perrudja von Hans Henny Jahnn (*17.12.1894, †29.11. 1959) zu konsumieren. Wer es gewöhnt ist, sich an einem kräftigen roten Faden, Erzählstrang genannt, entlang zu hangeln und die Arabesken zu genießen, die der Autor für das tastende Voranschreiten geschlun­gen hat, um Protagonisten oder Situationen nahezubringen und begreiflich zu machen, wird hier ins Leere greifen.
Es gibt zwar einen Erzählstrang, aber er ist nur skizziert und weist kaum Ähnlichkeit mit einem dramatischen Spannungsbogen auf. Es geht um eine Figur namens Perrudja, von der der Leser sehr wenig erfährt: Er ist da, er ist unfaßbar vermögend, hat keine nachvollziehbare Vergangenheit und steht unter der Obhut eines Mr. Grigg, der als eine bestimmende Persönlichkeit eines globalen Trusts von Zeit zu Zeit in Erscheinung tritt und Perrudjas Wandel ermöglicht und als Graue Eminenz sehr wohl manipuliert.
Perrudja liebt. Doch nein, es ist keine Liebe. Einer solchen fehlt, wie dem gesamten Roman halt auch, gewissermaßen der rote Faden, also Zielsetzung bzw. Zielstrebigkeit. Nein, Perrudja liebt nicht, er gibt sich hin: an Dinge, Tiere, Personen, Ideen. An alles, was seinen suchenden Träumereien Substanz zu geben vermag.
Und so läßt sich dieser Roman (Erscheinungsjahr 1929) vielleicht verstehen. Der Autor ist „befallen” von einem unstillbaren Wissendrang, von lethargisch machendem Wissen. Perrudja dürfte ein alter Ego sein. Der Einfluß von J. Joyce (Ulysses) ist unverkennbar. Ebenso augenfällig scheint die Nähe von H. Dominik (*15.11.1872, †9.12.1945) zu sein (etwa: Die Macht der Drei; Himmelskraft o. ä.). Die Wortgewalt des Romans grenzt beinahe schon ans Angsteinflößende. Und damit ist wahrlich nicht nur die Sprache als Instrument des Verständigung gemeint, sondern nicht weniger der Inhalt der Gedanken, die der Autor transportiert. Hier vier Zitate, die einfach für sich, aber auch für die Gedankenwelt Jahnns sprechen mögen:

  • »Der Mensch hat gelernt, Geräte zu verfertigen. Aber er hat nichts Moralisches an den Geräten gelernt« (S. 480).
  • »Niemals noch vor unserer Zeit hat der Mensch angestrengter arbeiten müssen. Die Maschinen sind errichtet worden, um zu vergeuden. Die Muskeln der Kreatur und die Schätze der Erde. Es wird nicht gearbeitet, um Bedürfnisse zu befriedigen und Arbeitspotentiale zu schaffen; die in Wahrheit der einzige Reichtum der Menschheit sein könnten. Es wird ein künstlicher Verbrauch organisiert, um die Opfer der Ausbeutung um so gewisser zu versklaven« (S. 440).
  • »Ich habe nicht die Kraft zu sein wie ich bin« (S. 212).
  • »Man kann [die Menschen] an die Lüge binden, aber nicht an die Wahrheit des Geistes« (S. 510).
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enttäuschend

Warum, um alles in der Welt, kann man von
Menschen enttäuscht werden,
nicht aber von der Natur, selbst sogenannte
Naturkatastrophen inbegriffen?

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Bestialität

Es kann nicht weiter schlimm sein, sich mit Sinnleerem abzugeben. Ist es nicht sogar völlig normal, den weitaus größten Teil des eigenen Tuns als unnütz, als sinnentleert, als sinnlos anzusehen? Andernfalls würde jede unserer Aktivitäten, die über das schiere Vegetieren hinausgeht, gewissermaßen pures Gold sein.
Es kann nicht weiter schlimm sein, sich mit Sinnleerem abzugeben. Schlimm ist die Ausweglosigkeit aus der Sinnleere, ihre Unentrinnbarkeit.
Nein, gar nicht schlimm, nur bestialisch.

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kniende Hymnenhörer

Da scheint sich in Ameristan ein Brauch zu etablieren, der mir sehr, sehr gefällt: Amerikanische Spieler senken, wenn die amerikanische Nationalhymne erschallt, demutsvoll die Knie, das Haupt niedergebeugt vor den Göttern und der Größe des amerikanischen Präsidenten.

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strikte Reversion

Was der gute alte Charles mit seinem »survival of the fittest« sicherlich nur auf Leben bzw. Überleben im Reich der Biologie verstanden gewußt haben dürfte, gilt wahrscheinlich auch im täglichen Mit- bzw. Gegeneinander in den Kleinstwelten der Spezies Mensch.

Heule mit den Wölfen, oder du wirst aus dem Rudel ausgeschlossen.

Gleicher Fakt (mit viel Verständnis für Reversionisten, also solchen, die mit einer fortschreitenden Entwicklung [vgl. hier] lieber nichts am Hut haben möchten): Eine Herde von Nudniks kann nicht anders als den Spiegel ihrer selbstgefälligen Borniertheit zu zerschlagen suchen.

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blumige Metapher

So recht bin ich nicht in der Stimmung, jetzt schriftstellerisch an meiner Biographie aktiv werden zu wollen. Wäre ich allerdings dazu gezwungen, hätte ich immerhin schon ein Motiv für das Buch-Cover.

Da ein Bild oftmals mehr sagt als tausend Worte, soll es für sich sprechen. Vielleicht nur soviel: Geknickt, zutiefst sogar, aber nicht gebrochen.

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am­bi­gu­os

Wer immer nur mit Dreckstücken zu tun hat,
weiß mit einem Goldstück so recht nichts anzufangen.

Irgendwie gefällt mir dieser Satz. Jetzt frage ich mich jedoch, ob ich ihn als Untertitel verwenden soll für ein Goldwäscher-Handbuch oder vielleicht lieber für ein Handbuch für Führungskräfte. 😉

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